[B] Werte und Moral

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[B] Werte und Moral

Der Liberal-Konservativismus beruft sich auf die aristotelische Tugendethik. Werte und Moral werden heute auf verwirrende Weise beansprucht. Aber auf selbstverständliche Weise werden Menschen moralische Eigenschaften zugesprochen: mutig, klug, wahrhaftig oder tapfer beispielsweise (Tugenden). Ein moralisches Sollen zur Lösung irgendwelcher zivilisatorisch gewachsenen Probleme irgendwoher abzuleiten, ist eine Überforderung der Moral. Bürgerlichkeit besteht aus einen gemeinsamen Sinn für eine öffentliche Moral. Bürgerliche Werte wie Freiheit, Respekt oder Familie sind stabil in der Öffentlichkeit verankert. Das schließt eine soziale Kontrolle in der Öffentlichkeit darüber, was als Verstoß gilt, ein. Doch Tugendwächter oder Phänomene sogenannter„political correctness“ schüren in der Öffentlichkeit Zweifel über die Moral, denn sie spalten nur und decken sich nicht mit der gemeinschaftlich geteilten Moralvorstellung. Moral darf nicht zum schmalen Grat werden, sondern muss sich im Common Sense – im Bürgersinn – wiederfinden.

Nicht der Werteverfall, sondern die Werteinflation ist beklagenswert. Moralisierungen angepriesener Werte dienen der Fortführung des Klassenkampfes, der durch die bürgerliche Mittelschicht eigentlich überwunden ist. Dazu werden Werte hervorgebracht, deren Sinn für Gemeinschaft fragwürdig ist. Beispiele sind die postulierte europäische Wertegemeinschaft allgemein und der Euro als Friedensstifter im Speziellen. Der Euro ist nicht nur ökonomisch falsch, er ist auch eine moralische Zumutung. Die Einführung des Euros soll überall in der EU erzwungen werden, weil sein Scheitern unvermeidlich Gräben durch die EU gezogen hat – nicht nur unter den Euro-Ländern.

Für die EU ist der Euro mehr als eine Währung. Er soll die politische Union vorantreiben und Europa zusammenhalten. Laut dem verstorbenen Altkanzler Helmut Kohl stiftet er die „europäische Identität“. Noch im Jahr 2011 behauptete der ehemalige Präsident der EZB Jean-Claude Trichet, dass der Euro ein Garant des Friedensprojets der EU sei, weil er Wohlstand und Wachstum schaffe. Kohl sagte bei der Einführung des Euros 1999 eine Erweiterung mit Großbritannien und der Schweiz für spätestens 2004 voraus. Inzwischen braucht es sanften Zwang mittels Subventionen, um ihn durchzusetzen. Seit Bundeskanzlerin Merkel ist der Euro zum Diktum geworden: „Scheitert der Euro, scheitert Europa.“

Der moralisierende Anspruch macht ihn nur scheinbar zum realen Kern einer europäischen Wertegemeinschaft. Denn zugleich verdeutlichen diese Worte die realitätsferne EU-Romantik dahinter. Seit dem Start der Währungsunion entwickelt sich der Wirtschaftsraum lange Zeit unterdurchschnittlich. Ganze Staaten hat der Euro an den Rand des Abgrundes getrieben. In diesem Sinn ist der Euro schon ökonomisch gescheitert. Und er sät Zwietracht: Abhängigkeiten vom Wohlwollen der Rettungspolitik, die unfreiwillige Hegemonie Deutschlands in Europa oder der Anpassungsdruck der Sozialsysteme in den überschuldeten Ländern.
Die europäische Wertegemeinschaft ist obskur. Freiheit, Gleichberechtigung und Meinungsfreiheit sind Menschenrechte und haben globale Geltung. Werte sind universell. Es gibt keine spezifisch europäische Wertegemeinschaft. Europäische Werte werden beschworen, weil es der EU an Lösungen mangelt und der ökomische sowie politische Legitimationsdruck eine höhere Rechtfertigung nötig macht. Moralisierung und Inflation von Werten sind moderne Phänomene. Politisch motivierte Imperative wie der des „guten Europäers“, der jede Vertiefung der EU begrüßen sollte, stehen jedoch dem Sinn des Bürgers für die Gemeinschaft unversöhnlich gegenüber. Haftungsvergemeinschaftung bei eingeschränkten Mitspracherechten wird moralisch verschroben legitimiert. Die Moralisierung des guten Europäers entstammt nicht aus der Erfahrung der Lebenswelt, sondern dem Willen zur Kontrolle über diese.

Werte werden heute als rhetorische Waffe benutzt und sind dadurch immer weniger eine unverletzliche Instanz. Der Begriff der Werte ist eigentlich ökonomischen Ursprungs. Seine heutige Verwendung entstammt nicht der abendländischen Überlieferung, sondern hat sich von dieser Herkunft entfernt. Er drückt in erster Linie die durch Geld quantifizierte Nützlichkeit und Knappheit handelbarer Güter aus. Die Bedeutungsverschiebung kommt aus der Rolle des Geldes in der Moderne. Geld bestimmt über die Entfaltungsmöglichkeit, also über die Freiheit. Es gibt sogar eine monetäre Moral des gelungenen Lebens, das sich vor allem in Geldsprichwörtern ausdrückt. Hochgepriesene Kulturgüter fallen unter den Begriff der Werte. Gerade weil sie nicht marktfähig sind, scheinen sie bekenntnispflichtig zu sein.

Neuere Werte wie Pünktlichkeit, Weitsicht, Toleranz oder Geschlechterneutralität hat wohl teilweise der Fortschritt mit dem damit einhergehenden gesellschaftlichen Wandel hervorgebracht. Kritiker sehen eine Überdehnung des Wertebegriffes und Überforderung der Menschen. Der Gipfel aber ist die politische Inszenierung. Der Euro soll eine moralisch erstrebenswerte Bedeutung haben und Europa zusammenhalten. Für wirtschaftliche Schwierigkeiten muss die Transferunion herhalten. Der Euro ist eine Zumutung für alle. Durch die Hintertür kommt der europäische Zentralstaat.

Umverteilung ist das süße Gift der EU. Zu viel davon provoziert Abspaltungen. Das irregeleitete ideologische Gerüst wird von der Realität eingeholt werden.

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